Astrologie Akademie

 

Magische Passagen…..

bei den Hellsehern im Wong Tai Sin Tempel        

                                                                                                         von Silke Mader 

Der taoistische Wong Tai Sin Tempel in Hongkong wurde 1921 errichtet und ist aufgrund seiner schönen traditionell-farbenprächtigen, chinesischen Gestaltung ein Magnet für Touristen weltweit. Mit 3 Mio. Besuchern jährlich floriert der Publikumsverkehr in dem Tempel jedoch nicht nur aus rein spirituellen und ästhetischen Gründen: Wong Tai Sin soll nämlich Wünsche erfüllen können! Den Hongkongern gilt er als wichtigster Glücksgott, der nicht nur hilft, Krankheiten zu überwinden sowie Schutz und Förderung bei den wichtigen Dingen des Lebens bietet (so z.B. Hochzeit, Geburt, Beruf etc.) - sondern auch vor Pferdewetten und Glücksspielen gilt sein Segen als äußerst gewinnbringend und begünstigend…..

 

                    

 

Ob der Heilige selbst diese materielle Nutzung seiner Gaben für wünschenswert erachtet hätte? Gemäß der in dem Tempel verwahrten Aufzeichnungen wurde er 338 in Wong Cho Ping in absoluter Armut geboren,(1) und musste schon ab seinem 7. Lebensjahr als Schafhirte arbeiten. Mit 15 Jahren hatte er, während er die Schafe hütete, eine ihn erleuchtende Begegnung mit einem der Unsterblichen, und in Folge dieser Initiierung verfügte er über Heilenergien und soll sogar Steine in Schafe verwandelt haben.  

Bei so viel Magie erstaunt es natürlich nicht, dass sich an den Wong Tai Sin Tempel mittlerweile ein ganzes „Orakelzentrum“ anlehnt, das von den Einheimischen mit Selbstverständnis und Respekt vor wichtigen Lebensentscheidungen oder dem Gang zum Pferderennen genutzt wird. Meine Astrologenseele ergriff Neid, als ich die langen Passagen über drei Etagen mit den vielen, vielen schmalen wohl nummerierten Läden der Wahrsager, Kartenleger, Feng Shui Meister oder Paht Chee Experten entlang ging. Ein jeder dieser kleinen Läden bietet Platz für einen kleinen Tisch, zwei Stühle und manchmal auch ein schmales Regal. Sorgsam schmücken die Wände dieser „Büros“ selbst gemachte Werbeschilder, Diplome oder auch Fotos von Beratungen mit wichtigen Persönlichkeiten und Auftritten. Vor den Läden stehen kleine Stühle für die Wartenden - wobei es allerdings so viele Berater gibt, dass kein Kunde lange warten muss.                                                                                                                                       

                                                                                                      © commons.wikimedia.org

Warum können wir – zumindest in den großen europäischen Städten – unsere Hellseher und Wahrsager nicht ebenso ehren? Warum nicht in jeder Stadt in der Nähe einer Kirche ein Orakelzentrum gründen, das mit vielen kleinen Läden aufwartet, in dem die Astrologen, Kartenleger, Medien und Coachs der Stadt ihre Kundschaft empfangen können…? Optimalere Arbeitsbedingungen kann man sich kaum vorstellen... Diese kleinen Läden sind zudem nicht kostenaufwendig und haben aufgrund der schmalen Räume eine „private“ Aura, die es leicht macht, über schwierige Themen zu sprechen. Kirchliche Nähe sorgt für Respekt und erleichtert die meditative Einstimmung bei den Ratsuchenden. In Hongkong gibt es im Wong Tai Sin Tempel sogar einen gutmütigen Wachmann, der die Flure auf und ab läuft, um dafür zu sorgen, dass sich allzu unglückliche Ratsuchende ruhig verhalten.

Nun wird der eine oder andere mir gegenüber vielleicht die Überlegung äußern, dass es in den westlichen Kulturkreisen diesen Respekt gegenüber der Magie der Hellseher nicht geben könne, weil nun einmal alles, was – salopp formuliert - mit „Spirit“ oder „Chi“ zu tun habe, im asiatischen Raum wesentlich fundiertere, niveauvollere, da Jahrtausende alte Früchte hervorgebracht habe. Erstmals hörte ich diese, mir heute absurd erscheinende Haltung von einem japanischen Professor, welcher - als ich einen Sommer lang in Italien studierte - bei der gleichen Schriftstellerin untergebracht worden war wie ich. Gemeinsam mussten wir zusammen mit zwei anderen Studierenden bei abendlichen Gesprächsrunden italienische Konversation trainieren, und ich nahm mir damals dessen Äußerungen über die unsensiblen und oberflächlichen Europäer sehr zu Herzen. Vor ein paar Wochen hingegen schmunzelte ich nur noch, als ich in Singapur bei einem Feng Shui Seminar neben einem malaysischen Ehepaar saß, das bereits bei einem kurzen Gespräch die gleiche Anschauung vertrat: Die Bemühungen der Westler, die asiatische Kultur und das ganze Spektrum des Feng Shui zu verstehen, seien im Prinzip zwecklos,

Paradoxerweise war es nun gerade der Wong Tai Sin Tempel bzw. das dortige Orakelzentrum, welches bezüglich dieser Thematik mit einem unerwarteten Geschenk für mich aufwartete. Ausgerechnet hier sollte ich ermuntert werden, diese unbarmherzige Sicht auf die Kenntnisse, welche die europäische Kulturgeschichte bezüglich des Umgangs mit dem "Chi" sowie der Magie der Natur hervorgebracht hat, auch in Zukunft nicht zu teilen.  Denn zum einen war bis zur grausigen Epoche der Hexenverbrennung auch innerhalb Europas ein weit reichendes und faszinierendes Spektrum ganzheitlichem ("magischen") Wissens vorhanden, welches nicht nur aus dem asiatischen, sondern z.B. auch aus dem keltischen oder mesopotamischen Raum zu uns gelangt und weiter entwickelt worden war. Vieles hiervon ging leider verloren bzw. geriet in Vergessenheit, nachdem die Menschen im Zuge der Inquisition zu viel Angst hatten, ihre Kenntnisse offen zu tradieren oder überhaupt  hierüber zu sprechen. Zum anderen konnte das einzigartige Instrumentarium der westlichen Astrologie glücklicherweise samt der Fülle an Forschungsergebnissen, die damals schon vorlagen, gut geschützt werden. Sicherlich auch, weil es sich hier um Wissen handelte, das aufgeschrieben und somit verborgen werden konnte.  Ausgerechnet im Wong Tai Sin Tempel sollte mir nun die Präzision der Astrologie, ihre jahrtausendealte Tradition sowie ihre unfassbarer Fülle an Möglichkeiten einmal mehr zu Bewusstsein gebracht werden:

Wie das? Davon überzeugt, dass ich im Hongkonger Orakelzentrum etwas ganz Besonderes würde lernen können, hatte ich einen englischsprachigen Berater ausgewählt und um eine Lesung gebeten. Der „Meister“, bei dem ich anklopfte, blickte daraufhin in meine Hände und in mein Gesicht, und teilte mir mit, dass ich noch ein langes Leben vor mir haben und sehr reich sterben werde. Details meiner Zukunft konnte er mir jedoch keine nennen - nur, dass ich In der ersten Hälfte meines Lebens weniger pragmatisch gewesen sei als ich es in der zweiten Hälfte sein würde. Aktuell sei ich wahrscheinlich Unternehmerin mit vielen Angestellten…. ? Der Wohnsitz im Ausland? Da musste ich dann leider den Kopf schütteln und erklärte dem „weisen Mann“, dass ich eine Kollegin von ihm sei…. eine Astrologin. Hätte bei mir diese Aussage eines Kunden in der Beratung sicherlich Interesse hervorgerufen (insbesondere wenn derjenige von einem ganz anderen Kontinent kommt!) - so war der "Meister" nun mit seiner Deutung schnell fertig, 750 Hongkong Dollar sollte ich für die knapp zehn Minuten bezahlen (= ca. 75 Euro). Ich gab ihm daraufhin 300 Dollar ( = ca. 30 Euro), wohl wissend, dass auch dies sogar für europäische Verhältnisse noch viel zu viel war und für Hongkong sowieso. Doch das Karma dieses Meisters wird kein Gutes sein, würde er weiterhin so rücksichtslos mit den Touristen verfahren!. Auch meiner Bitte nach einer Art "Quittung" oder "Beleg" - da ich meine Reise würde abrechnen müssen - wurde nicht entsprochen. Ich erhielt anstatt dessen einen kleinen Kalender mit dem Namen des Beraters - ein Werbegeschenk, das zum Mitnehmen sowieso herum lag.

Dennoch hatte ich durchaus etwas gelernt und erfahren - wenn auch etwas ganz anderes als ich erwartet hatte! Zum einen hatte mir die Auseinandersetzung mit Paht Chee und Feng Shui der letzten Jahre - und nun auch das Lesen aus Hand und Gesicht - zwar gezeigt, dass gerade Paht Chee und Feng Shui wunderbare Wissenschaften sind, welche Perspektiven aufzeigen, die die Astrologie nicht kennt. Will man sein Dasein bewusst ausrichten, so sind Paht Chee und Feng Shui daher - ebenso wie die Astrologie - geradezu lebensnotwendig. Doch hinsichtlich der Präzision einer detaillierten Einblicknahme in die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eines Menschen sowie dessen Fähigkeiten und Charakter bleibt die westliche Astrologie ein unschätzbares Instrument, auf das wir Europäer ruhig ein wenig stolzer sein sollten! Das dachte ich mir zumindest, als ich im Orakelzentrum später an zwei jungen Touristen vorbei lief, die sich gerade aufgeregt aus der Hand lesen ließen... Warum nur hier in Hongkong?  Wer in Europa regelmäßig zu einem gut ausgebildeten Astrologen geht, um sich schützen und unterstützen zu lassen, der kann mit sehr präzisen Auskünften rechnen. Hierfür muss man also nicht extra in das wunderschöne Land China fliegen. Wobei die astrologische Beratung in vielen Fällen dann auch noch steuerlich absetzbar ist......

Das klingt nun schon beinahe zornig - so ist es natürlich nicht gemeint. Doch mir erscheint es wichtig, den Widerspruch, dem viele Europäer sich unterworfen haben, einmal zu beleuchten: Warum sind wir stets gerne bereit, mediale Wahrheiten aus dem asiatischen Raum in unseren Lebensalltag zu integrieren - doch bespötteln die gleichen Traditionen innerhalb Europas? Kurz und gut: Hoffen wir, dass es auch in Europa bald in jeder Stadt Orakelzentren gibt, so dass hier noch mehr Menschen von der Fülle der Möglichkeiten der Astrologie werden profitieren können.

                                                                                             © by Ethik Verlag 2013